Erzähler, Balthasar, Daniel, Der Gedanke, Die Welteitelkeit, Die Götzenliebe, Der Tod, Eine Bildsäule, Gefolge.
Bemerkung: Den Gesang aus dem Skript übernimmt das Gefolge.
Erzähler:
Balthasars Nachtmahl von Pedro Calderón de la Barca übersetzt von Joseph von Eichendorff. Dies ist eine LibriVox Aufnahme. Alle LibriVox Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es bei librivox PUNKT org.
Balthasars Nachtmahl.
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Erzähler: #1
(Der Gedanke, in buntscheckiger Narrentracht, tritt eilig auf, von Daniel gefolgt, der ihn aufzuhalten sucht).
Daniel: #2
Steh'n!
Der Gedanke: #3
Was soll ich verstehn?
Daniel: #4
Störrisch Ding!
Der Gedanke: #5
Was soll mich stören?
Daniel: #6
Hör' mich an.
Der Gedanke: #7
Ich will nicht hören.
Daniel: #8
Sieh' doch nur.
Der Gedanke: #9
Ich will nicht sehn.
Daniel: #10
Wer hat je in solcher Art
Abgefertigt, die ihn fragen?
Der Gedanke: #11
Ich, dem, alles keck zu wagen,
Unbeschränkte Freiheit ward.
Daniel: #12
Und du bist?
Der Gedanke: #13
Daß du's nicht wiss'st,
Regt jetzt mir Empfindlichkeit.
Sagt dir's nicht schon dieses Kleid,
Das so tausendfarbig gleißt,
Daß wohl niemand mag verspüren,
Gleichwie beim Chamäleon,
Meinen rechten Farbenton?
Doch ich will mich definiren:
Kraft der Kräfte, die da zieren
Mein und dein unsterblich Sein,
Bin das Licht ich, das allein
Menschen scheidet von den Thieren.
Bin der zauberische Duft,
Der da spiegelt Lust und Qualen,
Flücht'ger als die Sonnenstrahlen,
Wandelbarer als die Luft.
Habe kein beständig Haus,
Drin zu sterben, drin zu leben;
Wandre meines Weges eben
Und weiß nimmer, wo hinaus.
Hohes Glück und schlimmes Los
Sehn mich stets an ihrer Seite,
Knecht und Ritter ich geleite,
Keine Dame wird mich los.
Auf dem Throne mit dem König
Ueberwache ich den Staat,
Und als sein geheimer Rath
Sorg' ich viel und schlafe wenig,
Sitz beim Schwelger zu Gericht,
Bau' dem Fleiß'gen goldne Brücken,
Brüte in dem Schleicher Tücken
Und die Schuld im Bösewicht.
Schönheit bin ich bei den Frauen,
Bei dem Geizhals Schatz auf Schatz,
Bei dem Spieler Satz um Satz,
Beim Soldaten Siegsvertrauen,
Frauengunst bei dem Verliebten,
Bei dem Bettler bittres Leid,
Bei dem Heitern Fröhlichkeit
Und Betrübniß beim Betrübten;
Kurz, wohin ich immer schwanke,
Bin ich, mit dem raschen Sinn,
Nichts und alles, denn ich bin,
Freund, der menschliche Gedanke.
Hab' ich nun nicht passend eben
Mich so lebensbunt behängt,
Da, wer lebt und nicht auch denkt,
Sich nicht rühmen darf, zu leben?
Doch dies nur so insgemein,
Eigentlich bin ich der Narr
Heut' des Königs Balthasar,
Dem die ganze Welt zu klein.
Trag' ich Schellen, denk nicht drum,
Ich sei hier der Narr alleine,
's ist nur, weil ich heut' erscheine
Offen vor dem Publikum.
Denn ein Erznarr sicherlich
Wäre jeder, wenn er sagte,
Und ins Werk zu richten wagte,
Was er heimlich denkt in sich.
Also scheint gering die Zahl,
Während sie zu Haufen stehen,
Denn so recht bei Licht besehen,
Sind wir Narren allzumal.
Und somit, weil ich ein Thor,
Wollt' ich ruhig weiter wandeln,
Um mit dir nicht zu verhandeln;
Denn unschicklich kam's mir vor,
Wanderten wir Hand in Hand.
’s gäb' ja nichts als Lärm und Zwist,
Denn da du der Daniel bist,
Das ist göttlicher Verstand,
Sage selbst, wie wunderlich
Möchten wir zusammenpassen,
Sind wir, um es kurz zu fassen,
Du Verstand, und Thorheit ich.
Daniel: #14
Dennoch könnten wir's drauf wagen,
Ohne daß ich thöricht würde,
Wolltest du der Narrenbürde
Nur ein wenig dich entschlagen;
Denn wie scharf in Dissonanzen
Auch Vernunft und Thorheit streiten,
Greifst du recht in beide Saiten,
Klingt's harmonisch doch zum Ganzen.
Der Gedanke: #15
Nun so steh' ich deinen Fragen;
Denn wird je was offenbar
Dem Propheten, kann's fürwahr
Der Gedanke nur ihm sagen.
Daniel: #16
Sprich, nach welchen Freuden steuert
Jetzt dein leiser Flug dahin?
Der Gedanke: #17
Hochzeit liegt mir jetzt im Sinn,
Die in vollem Glanze feiert
Heut' das stolze Babylon.
Daniel: #18
Wer betritt den Traualtar?
Der Gedanke: #19
Unser König Balthasar,
Des Nebucadnezars Sohn,
Ja, sein Sohn in Herz, in Sinn.
Daniel: #20
Und wem reicht er seine Hand?
Der Gedanke: #21
Ihr, die in dem Morgenland
Herrscht als prächt'ge Kaiserin,
Wo das Licht die Welt begrüßt.
Daniel: #22
Ist sie Heidin?
Der Gedanke: #23
Ganz und gar,
So, daß sie mit Haut und Haar
Selbst der Heidenglaube ist.
Daniel: #24
Hat er nicht schon ein Gemahl,
Nicht schon die Welteitelkeit
Seines Herrscherprunks gefreit?
Der Gedanke: #25
Sein Gesetz gönnt liberal
Zwei, ja tausend Frau'n daneben,
Aber Pracht und Götzenthum
Sind's, die seinem Leben Ruhm
Und dem Ruhm Ergötzen geben.
Doch genug nun, Weisheitsstern
Oder Daniel! Beides hier
Gleichbedeutend.
Daniel: #26
Wehe mir!
Der Gedanke: #27
Freitest gar wohl selbst ihn gern,
Daß ich so bestürzt dich sehe?
Erzähler: #28
(Für sich.)
Der Gedanke: #29
O, ich Schwätzer! – Dummer Streich!
Daniel: #30
Weh' dir, unglücksel'ges Reich,
Wehe dir, Volk Gottes, wehe!
Der Gedanke: #31
Weiß recht gut, was dich umnachtet:
Daß heut' Königs Hochzeit sei,
Während hier in Sklaverei
Euer Volk noch immer schmachtet?
Daß er, statt dem Heidenthum,
Ja, das ist es, was dich quält
Nicht das Judenthum gewählt,
Um euch zu befrei'n und um –
Erzähler: #32
(Man hört Trompeten.)
Der Gedanke: #33
Aber horch, da schmettert's schon.
Jetzt geschwind zu andern Dingen!
Uns verscheuchen will ihr Klingen,
Bis auf seinem stolzen Thron
Babylon die Kön'gin sehe
Waltend über dieses Reich.
Daniel: #34
Weh' dir, unglücksel'ges Reich,
Wehe dir, Volk Gottes, wehe!
Erzähler: #35
(Beide ziehen sich in den Hintergrund zurück. Gleich darauf Musik, während von der einen Seite Balthasar und die Welteitelkeit, von der andern die reichgeschmückte Götzenliebe mit Gefolge auftreten.)
Balthasar: #36
Laß mit des Morgens schönen
Geschmeiden das umlockte Haupt dir krönen,
Wenn allzumatt nicht seine reinen
Demanten für dein Diadem erscheinen,
Hochherz'ge Heidenminne,
Du, meines Reichs und Herzens Königinne!
Wohl zu beglückter Stunde
Betrittst du Babylons erhab'ne Runde,
Wo meines Throns Gewalten
Sich feiernd über dir zum Dom gestalten
Und dich, zu deinen Füßen,
Als Herrin soll begrüßen,
Was da an Tempeln, hehren
Gebilden und Altären
Aufschaut zur ew'gen Himmelszone
In Gold und Silber, Erz, Gestein und Thone.
Die Götzenliebe: #37
O König sonder Gleichen,
Gebieter du von Babels mächt'gen Reichen,
Deß Namen, den geweihten,
Den Schrecken künft'ger und vergangner Zeiten,
Der Jude voller Sorgen
Als einen Hort sich deutet, der verborgen;
O sieh', die Götzenminne,
(Ihr ward des Lichtes Heimat zum Gewinne)
Herrin der Orientalen,
Wo jugendlich der Sonne erste Strahlen
Bewund’rung mächtiger begründet,
Als er, der einst die Sonne selbst entzündet –
Sie naht sich den Altären,
Ihr uralt Recht an ihnen zu bewähren.
Denn seitdem aus der Sündflut Wogengrüften
Die Welt emporstieg zu den heitern Lüften,
Sah man in diesen Reichen
Zum erstenmal in tausend Feuerzeichen
Mit staatsklug-strengem Walten
Den Götzendienst sich ordnen und entfalten,
Bald Königen gespendet,
Bald himmlischer den Göttern zugewendet.
So Nimrod, dem verehrten,
Und Moloch, dem von Flammen unverzehrten,
Sie beide ihrer Völker Schirm und Retter,
Der durch Gesetz, der als der Herr der Götter;
An beide dann sich reihend
So viel' Idole, als heut' gnädig weihend
Dies Hochzeitsfest umstehen,
Daß rings empor die Weihrauchwirbel wehen
Zu dreißigtausend Göttern im Vereine
Von Gold, von Silber, Erz und Thon und Steine.
Erzähler: #38
Der Gedanke (leise zu Daniel).
Der Gedanke: #39
Das nenn' ich mir ein Leben,
Von dreißigtausend Göttern so umgeben!
Da kann der Mensch nach Herzenslust begehren,
Versagt's ihm der, wird's jener ihm gewähren.
Doch du, der so vermessen
Auf einen Gott versessen !
Das ist ja nur zum Lachen,
Wie soll ein einz'ger Gott was Recht's denn machen,
Hat er so viel zu sorgen?
Erzähler: #40
Daniel (ebenso).
Daniel: #41
So alleine
Ist um so allgewaltiger der Eine.
Erzähler: #42
Balthasar (zur Götzenliebe).
Balthasar: #43
Tritt zu ihr, die ich frühe schon erkoren;
Ein Strahl ja ist's, der sie um dich geboren,
Drum tracht' ich immerdar, euch zu versöhnen.
Wie blickst du herrlich neben dieser schönen!
Erzähler: #44
Götzenliebe (die Welteitelkeit umarmend).
Die Götzenliebe: #45
So laß mich, stolze, denn dich Schwester heißen.
Die Welteitelkeit: #46
Und keine Zeit soll dieses Band zerreißen.
Die Götzenliebe: #47
Ich könnte deiner Schönheit neidisch werden,
Fänd' Göttliches was neidenswerth auf Erden.
Die Welteitelkeit: #48
Fast regt dein Blick mir Eifersucht im Herzen,
Doch Eitelkeit weiß nichts von solchen Schmerzen.
Erzähler: #49
Balthasar (für sich).
Balthasar: #50
Mich aber drängt ein Zwiespalt wilder Triebe.
Hier zwischen beiden in getheilter Liebe
(Will Eitelkeit mit schmeichlerischen Weisen
Mich königlich, die andre göttlich preisen)
Schwank' ich unschlüssig, welche ich erwähle,
Denn jede dünkt die schönste meiner Seele.
Die Götzenliebe: #51
Was stehst du so versunken?
Die Welteitelkeit: #52
Was schweigst du plötzlich, wie gedankentrunken?
Balthasar: #53
Dein Reiz war's, Götzenlieb', der mich verzückte,
Dein Wohllaut, Eitelkeit, was mich berückte;
Und daß die Zweifel weichen,
Womit mich eure Zauberei'n beschleichen,
Möcht' ich in Gegenlieb' zu mir entzünden
Euch beid', indem ich euch verkünde,
Dir, Heidenjungfrau, meine Herrlichkeiten,
Und dir, Welteitelkeit, mein siegreich Streiten:
Den erhab'nen Nebucad,
Dessen Tapferkeit und Hoheit
Die Verhängnisse der Welt,
Glück und Ungemach gehorchten,
Diesen Blitzstrahl von Chaldäa,
Der aus seinem Wolkenthrone,
Daß es noch den Brand beweint,
Einst Jerusalem getroffen,
Der die Völker Israels
Neu gebeugt dem Sklavenjoche,
Das noch heut in Babylon
Niederhält die Heimatlosen;
Ihn, der aus dem Tempel Gold
Und Juwelen hat gebrochen
Und sie mir, als heil'gen Schmuck,
In der Krone Reif geflochten;
Ja, ihn, der des Felds Smaragden
Abgeweidet sinnverworren,
Halb ein Thier, halb Mensch, ein Wunder
Aller Zeit mit Schwert und Worte,
Ihn begrüß' ich als den Vater!
Und da ich sein Erbe worden
So im Reiche wie an Ruhm,
So im Segen wie im Zorne:
Haben treulich meine Götter
Mich zu solchem Glanz erhoben,
Daß ich meine, daß im Busen
Mir sein Geist sich wiederhole,
Ja, die angeerbte Seele
Des Gewaltigen bewohne
selber meinen Leib, wenn Eine
Jemals Zwei beleben konnte.
Doch, ob ich auch hier beherrsche,
Was der Tigrisstrom umwoget,
Was des Euphrats Flut bespült
Und mit Licht erfüllt die Sonne,
So viel Länder, daß sie früher
sich entwinden muß Auroren,
Um sie alle zu begrüßen, -
Eh' die Nacht hereingebrochen:
Nimmer löscht's der Ehrsucht Durst,
Nimmergnügt's so edlem Stolze,
Und ein fressend Gift verzehrt mich,
(sei es Kampfmuth oder Thorheit)
Bis ich jene mächtigen Berge
Meiner Herrschaft unterworfen.
Denn das sind des Sennars Gipfel,
Dieses wilde Land da droben,
Das einst zwischen Erd' und Himmel
Wunderbaren Kampf sah toben,
Als die Menschen, kühn und unklug,
Um den Himmel zu erobern,
Felsentrümmer über Trümmer
Aufgepfeilert nach der Sonne.
Und daß, Eitelkeit, du wissest,
Welch' Triumph dir dort geboten,
Und was du, o Heidenlieb',
Dort beherrschen sollst, so horchet:
Es war eine schöne Zeit,
Da die Welt, in Ruh' geborgen,
Der harmon'schen Pracht sich freute
Und des Einklangs ihrer Formen,
In sich selber still erwägend,
Wie sie einst aus trübverworrner
Masse (Chaos nach den Dichtern,
Und das Nichts, der Schrift zufolge)
Aufgeschaut zur ew'gen Klarheit
Jener blauen Himmelsbogen,
Als das Licht, noch mit den Schatten
Ringend, leis die Nacht gehoben
Von dem wunderbaren Bündniß
Zwischen Land und Meereswogen,
Von dem wirren Knäul, der alles
Ineinander schlang, entworren,
Rings umher die Dinge scheidend
Und vertheilend, daß, die vormals,
All' vereinigt, nichts gewesen,
Einzeln Leben nun gewonnen.
Sie bedachte, wie die Erde,
Wüste ehedem und formlos,
Jetzt von tausendfarb'gen Blumen,
Einem Teppich gleich, durchwoben;
Wie da durch die leere Luft
Vögel, lustig kreuzend, flogen,
Wie die Fische in den klaren
Fluten Silberfurchen zogen,
Und das eingeschloss'ne Feuer
In zwei Fackeln aufgelodert:
Stille Leuchten, so der Nacht
Wie des Tages, Mond und Sonne.
Sie begrüßt zuletzt den Menschen,
Einen jener Lichtgenossen,
Die Gott, als der Wunder höchstes,
Nach dem eignen Bilde formte.
Und so, schönheitstrunken, fühlt sie
Aller Satzung sich enthoben.
So uralt schon ist's, daß Schönheit
Hier anheimfällt eitlem Stolze.
Schön und übermüthig wähnt sie
Unvergänglich ihren Wohnsitz,
Ahnte nicht, daß, ihren Freveln
Einst zu wohlverdientem Lohne,
Eine unermess'ne Flut
Selbst sie zu verschlingen drohe.
Und in solchem Selbstgenügen
Sah in Lüsten man verloren
Die Geschlechter nun, besessen
So von Völlerei und Wollust,
Von der Eigensucht, der Trägheit,
So von Hochmuth übernommen,
Daß die zornentbrannten Götter,
Denen hier kein Ding verborgen,
Ihrer Hände Werk, die Welt,
Wieder zu zerstören schworen.
Doch nicht Blitzesströme waren's,
Die der höchste Gott ergossen,
Fluten hatte er verhängt;
Denn oft blitzt er eis‘ge Flocken,
Ueberschwemmt ein andermal
Rings die Welt mit Feuerwogen.
Trübe sah der Himmel nieder
Wie aus langen Trauerfloren,
Und als ob er selbst, des eignen
Strengen Richterspruchs verdrossen,
Seiner grauenvollen Rache
Strafgericht nicht sehen wollte,
Hüllt er, nebelhaft verborgen,
Sich in dunkle Wolken ein.
Denn auch Gott, obgleich er Gott ist,
Sucht, wo nicht Entschuldigung,
Doch Rechtfert'gung seines Zornes.
Sanft erst sank ein Thau hernieder,
Wie die Sonne ihn Auroren
Leis mit goldnen Zindeln trocknet,
Einer jener Regen folgt dann,
Die mit Edelsteinen schmücken
Der erquickten Erde Locken;
Doch bald waren's Wasserspeere,
Dicht verbindend Berg und Wolke,
Auf den Gipfeln ihre Schafte
Und die spitzen in den Wolken,
Und jetzt stürzten her die Bäche,
Schwellend von den Höhn geschossen
Werden's Ströme, und die Ströme
Rings ein endlos Meer. O hohe
Weisheit, du allein nur weiß'st es,
Welche Züchtigung uns fromme !
Trinkend ohne Durst, ertränkt
Von Genist und schilf‘gen Meeren,
Litt der weite Erdkreis Schiffbruch.
Durch gespaltne Felsenbogen
Suchten Luft der Erde Höhlen,
Die durch Krater Athem holen,
Doch sie fanden sie in dunkeln
Kerkern überall verschlossen.
Aber nach der Freiheit trachtend
Sprengt die Luft des Felsenschlosses
Eh'rne Riegel, und beim wilden
Herzensschlage, der drin tobet,
Beben schauernd die Gebirge
Und die Felsen stehn geborsten.
Jenes Zaumgebiß von Sand,
Stets umschäumt von Silberflocken,
Das den Ungestüm bewältigt
Des unbänd'gen Meeres-Rosses,
Ließ nun alle Zügel schießen,
Und das plötzlich fessellose
Brach mit muth'gem Schnauben los,
Um nie wieder zu gehorchen.
Wilde Thiere, aus den Wüsten
Aufgescheucht, die sie geborgen,
Wähnen Vögel sich, entführt
In der Lüfte Regionen
Auf den Wogenspitzen; Vögel,
Auf der Flut dahingeschwommen,
Scheinen Fische, und die Fische,
Ueber Klippen hingeworfen,
Sehen staunend als Genossen
Sich des Wildes: so verworren
Ineinander die Geschlechter
Und zerworfen alle Lose,
Daß da zwischen Flut und Wasser
(Denn so sagt man vom Rathlosen)
Raubthier, Fisch und Vogel spähten
Und nicht zu erspähn vermochten,
Welcher Heimat angehörig
Vließ nun, Schwinge oder Flosse.
Jetzt, bei wilderneutem Anfall,
Rings zertrümmernd und gebrochen
Und aus ihren Fugen weichend,
Läßt die Erde alles Hoffen.
Wie ein Schwimmer im Ertrinken
Mit gekreuztem Arm die Wogen
Noch durchschneidet, von der Flut
Bald verschlungen, bald gehoben:
So die Welt, in ihren letzten
Nöthen ringend mit dem Tode;
Hier ein Berg empor noch gipfelnd,
Dort ein Palast niederdonnernd,
Bis der letzte Klagelaut
Müd' verstummte, und nach vollen
Vierzigtäg'gen Wasserstürzen
Alles zugedeckt die Woge,
Nur das weite Meer ein Grabmal
Ueber'm Riesenleib der Todten.
Vierzig Morgen warf verächtlich,
Als verloren, hin die Sonne,
Während sich zur Todtenfeier .
Schwarz verhüllten Licht und Wolken.
Jenes erste Schiff nur, trotzend
Allem Sturm und Wellenstoße,
Schwankte einsam durch die Oede,
Von der Flut emporgehoben,
So befreundet den Gestirnen
Und so nah dem Stern des Osten,
Daß ihm dieser treu als Leuchtthurm,
Jene ihm als Fackeln lodern.
In dem Schiffe aber hatte
Noah mit bedächt'ger Vorsicht
Des zerstörten Lebens Trümmer,
Jeglicher Natur, geborgen,
Bis das Meer sich neu gebeugt
Dem Gesetz der alten Ordnung
Und die Erde, bleich und zitternd,
Wieder sich dem Graus enthoben.
Die von Angst durchfurchte Stirn,
Vom verworrnen Haar umflogen,
Kaum vom ersten Sonnenstrahl
Noch berührt die feuchten Locken,
Hob sie ihr entstelltes Antlitz
Aus dem Seetang und dem Moore,
In beredtem Schweigen grüßend
Jenen schönen Friedensbogen,
Der sein Purpur, Grün und Gold
Durch das Himmelsblau gezogen.
Zweiter Adam, dem ein zweites
Menschliches Geschlecht entsproßte,
Gab er Thier und Kräuter wieder
Dem verlass'nen Mutterboden.
Nimrod, Canaan entstammt,
Den des Vaters Fluch getroffen,
Wählt die Länder von Chaldäa
Mit den seinen sich zur Wohnstatt;
Seine Söhne: ein Geschlecht
Gottverlassen und verworfen,
Jeder einzelne des Stamms
Von so ungeschlachten Formen,
Daß sie alle Seelbewegten
Bergen gleich von Fleisch und Knochen.
Da nun diese durch die Arche
Sahn die Welt dem Tod entnommen,
Sannen sie, noch heldenmüth'ger,
Größres noch zum Schutz des Volkes
Darzuthun, und ihres Gottes
Zorne durch ein Werk zu trotzen,
Dessen Macht für alle Zeiten
Bräche die Gewalt der Wogen,
Schon zu einem prächt'gen Thurm
Sieht man Berg auf Berg geschoben
Und der armen Erde Nacken
Unter diesem harten Joche
So bedrängt, so widerwillig,
So verzweiflungsvoll gebogen,
Daß sie dumpf bei jeder Last
Aufstöhnt im verhaltnen Grolle.
Doch es wächst der Bau, und wächst
Die Bewunderung, die doppelt
Jenen wieder wachsen macht.
Denn die Völker alle kommen
Helfend, rüstend nah und fern,
Bis der hehre Thurm empor sich,
Einer Riesensäule gleich,
Mächtig pfeilert in die Wolken,
Störenfried des flücht'gen Sturms
Und ergötzlich Spiel des Mondes.
Sein gegipfelt Haupt berührt
Schon den dunkelblauen Bogen
Und beengt den Strom der Lüfte
Mehr und mehr mit jedem Zolle.
Doch inmitten dieses Staunens,
Dieses Jubels, dieses Pompes,
Greift der Himmel in das Werk,
Denn es füllet ihn mit Grolle,
Sieht er so aus niedrer Schicht
Sein geheiligt Haus erklommen;
Und damit der Mensch nicht wähne,
Es im Sturme zu erobern,
Hat Er dieses Bauvolks Sprache
In solch Wirrsal rings geworfen,
Daß nicht einer mehr versteht,
Was dem eignen Mund entquollen.
Plötzlich da von allen Lippen
Schrillt ringsum so wildverworrner
Mißlaut, wie kein menschlich Ohr
Jemals noch vorher vernommen;
Dieser weiß nicht, was er spricht,
Der nicht, was die andern wollen,
So verloren und vergessen
War die angeborne Ordnung.
Zwei und siebzig Sprachen wurden
Da zu gleicher Zeit gesprochen,
Denn so wollte es der Himmel,
Daß in soviel Idiomen
Sich der Rede Strom zerspalte.
Echo mußt es weiter rollen,
Und die Menschen, irr, unfähig,
Grund und Anlaß zu erforschen,
Flohen vor sich selbst, wenn jemals
Irgendwer sich selbst entflohen. –
Und es ruht fortan das Werk,
Auf daß keine Kunde komme
Auf die Nachwelt, von der Kühnheit
Und von dieses Baues Glorie.
Da, zu größerer Verwirrung,
Bricht die wetterschwangre Wolke,
Schleudert durch den Hauch bleifarbnen
Dampfes feurige Geschosse
Und setzt, kühn sich selbst zerreißend,
Aus des Thurmes Felskolossen,
Der, von ihr getroffen, sinkt,
Sich ein Denkmal ihres Todes.
Aber ich, in dessen Brust
Nimrods Sterne neu geboren,
Habe, mein' ich, solche Trümmer
Mächtig mahnend überkommen;
Auf daß ich den Bau vollende,
Da zur selben Zeit die hohe
Götzenlieb' und Eitelkeit
Mich zu solchem Ruhm erkoren.
Denn wenn du den Muth mir gibst,
Kühn zu greifen nach der Krone,
Du die Götter mir versöhnst,
Wenn du, Ruhmsucht, mich entloderst,
Wenn du, Heidenthum, mich schützst,
Wer möcht' da noch zweifeln wollen,
Daß es freudig zu erfüllen
Mir gelingt so große Lose?
Und so sollt, vereint, ihr beide
Stets in meinem Herzen thronen,
Das du weihst zu deinem Tempel,
Und dein Blick erfüllt mit Stolze.
Ringend frisch um deine Kränze,
Deinen Göttern mich gelobend,
Mit dir immer Höh'res wagend,
Und in deinen Tempeln opfernd,
Wird unsterblich mein Gedächtniß,
Einst in Silber, Erz und Golde
Eingegraben, überdauern
Alle Zeiten, die da kommen.
Die Götzenliebe: #54
Dir zu Füßen, ohne Wanken,
Bannt mich treue Liebespflicht.
Die Welteitelkeit: #55
Und ich bin das ew'ge Licht
Deiner Thaten und Gedanken.
Die Götzenliebe: #56
Willst du Göttern gleich dich wähnen,
Bet' ich einst als Gott dich an.
Die Welteitelkeit: #57
Dich zu schwingen himmelan,
Gab ich Flügel deinem sehnen.
Die Götzenliebe: #58
Ueber aller Sterne Lauf
Will ich deinen Glanz erweitern.
Die Welteitelkeit: #59
Lichtbeschwingte Himmelsleitern
Bau ich dir zur Sonne auf.
Die Götzenliebe: #60
Deinen Marmorbildern neigen
Soll das Volk sich jeder Zone.
Die Welteitelkeit: #61
Und ich schmück' die Lobeerkrone
Täglich dir mit frischen Zweigen.
Balthasar: #62
Reicht die Hände mir zum Pfand!
Wer wohl, wenn wir uns umfingen,
Könnte diese süßen Schlingen
Jemals lösen?
Daniel: #63
Gottes Hand.
Balthasar: #64
Wessen Stimme drängt vermessen
Hier in meine Rede sich?
Der Gedanke: #65
Ich war's nicht.
Balthasar: #66
Wer war es?
Daniel: #67
Ich.
Balthasar: #68
Jude du! Hast du vergessen,
Daß ich einst euch, kampfgerüstet,
Aus Jerusalem gejagt,
Daß ihr hier, bedrückt, verzagt,
Nur ein Sklavenleben fristet?
Und, so elend und verbannt,
Wollt ihr mich zu stören wagen?
Erzähler: #69
(Den Dolch ziehend.)
Balthasar: #70
Eure Fesseln zu zerschlagen,
Wer vermag es?
Daniel: #71
Gottes Hand.
Balthasar: #72
Weßhalb zaudre ich im Grollen?
So gewaltig wär' ein Laut,
Daß vor einem Klang mir graut,
Daß er vor dem Räthselvollen
Selbst mich als ein Räthsel bannt?
Erzähler: #73
(Laut.)
Balthasar: #74
Wenn ich deinen Kopf begehrte,
Sage, Daniel, wer wehrte
Meinem Arme?
Daniel: #75
Gottes Hand.
Der Gedanke: #76
Der ist auf die Hand erpicht!
Erzähler: #77
Welteitelkeit (zu Balthasar).
Die Welteitelkeit: #78
Laß ihn, seine Niedertracht,
Sie verdunkelt meine Pracht.
Die Götzenliebe: #79
Meinen Dienst sein Glaubenslicht.
Erzähler: #80
Balthasar (den Dolch wieder einsteckend, zu Daniel).
Balthasar: #81
Schau, die zwei, nicht Gottes Hand,
Sind es, die dein Haupt bewahren.
Lebe denn, um zu erfahren,
Wie ohnmächtig Gottes Hand.
Erzähler: #82
(Er geht mit der Welteitelkeit und Götzenliebe ab.)
Der Gedanke (zu Daniel).
Der Gedanke: #83
Das heißt einmal gut geglückt!
Und ich merke mir die Lehre,
Denn für aller Welt Misere,
Die mich jemals klemmt und drückt,
Weiß ich um mein Arkanum,
Brauche, ohne lang zu fragen,
Stets nur: Gottes Hand! zu sagen,
Und sie zittern um und um.
Und da eine bloße Hand
Gleiches Wappenschild uns beiden,
Laß uns auch recht handlich scheiden.
Nun, behüt' dich Gottes Hand!
Erzähler: #84
(ab)
Daniel: #85
Wer ertrüge dies Beginnen,
Diese Frevel, Herr der Zeit,
Die Unglaube, Eitelkeit
Gegen deine Allmacht sinnen!
Wer fühlt so gewaltig sich,
Wer, von heil'gem Zorn entflammt,
Uebernimmt dein Rächeramt
Ob der Erde Unbill?
Erzähler: #86
Der Tod (höfisch gekleidet, mit Degen und Dolch und einem Mantel mit Todtenköpfen hervortretend).
Der Tod: #87
Ich.
Daniel: #88
Schreckliches Gesicht, was miß'st du,
Irrspuk oder Traumgebild,
Mit den Blicken mich so wild?
Nie noch sah ich dich, wer bist du?
Der Tod: #89
Ich, Seher du, entsandt von Gottes Thron!
Bin aller Dinge Schluß, die Sein empfah'n,
Der Sünde und des Neides grimmer Sohn,
Des Giftes, das verspritzt der Schlange Zahn.
Die Thür zur Welt baut einst mir Abel schon,
Doch Kain war's, der mir sie aufgethan,
Wo mein Entsetzen, das die Völker schreckt,
Fortan Jehovahs heil'gen Zorn vollstreckt.
Neid, Sünde zeugt mich, wie ich dir entbot,
Auf daß zwei Furien in meiner Brust:
Aus Neid beschleiche ich mit Todesnoth
Die Sterblichen inmitten ihrer Lust,
Und durch die Sünde bin ich ew'ger Tod
Der Seele, die sonst nichts von mir gewußt;
Denn wie ein Hauch dort löscht der Augen Licht,
So ist es hier die Schuld, die Seelen bricht.
Bist du ein Gottgericht, ich aber nur
Des Richters Wetterstrahl, den jener lenkt,
Der vor sich niederwirft all' Creatur,
Was seellos grünt und was da fühlt und denkt;
Warum dann, schüttelnd sich vor meiner Spur,
Erbebt, was Sterbliches in dir versenkt?
Fass' dich, und laß uns walten brüderlich,
Du Gottes Urtel, Gottes Geißel ich.
Kein Wunder zwar, daß dir vor meinem Blick,
Und wärst du Gott, in tiefster Seele graut;
Entstiege einst, zu irdischem Geschick,
Der Blume Jerichos, der Himmelsbraut,
Gott selbst, es schauderte vor mir zurück
Sein menschlich Theil; bei meines Rufes Laut
Erbleichte zitternd der Gestirne Licht,
Verhüllten Sonn' und Mond ihr Angesicht.
Es würde wanken rings der Sternentanz
Und zittern, was belebt der Tiefe Raum;
Die Erde beugte ihren Felsenkranz,
Räng' sie auch Stein um Stein und Baum für Baum;
Der jugendliche Tag im Blütenglanz
Verhaucht' erbleichend seinen Morgentraum,
Und, als des Lichtes ernste Todtenwacht,
Verhüllt in Trauerschleiern sich die Nacht.
Doch heut ist's meines Amts nur, ohne Harm
Getreu zu folgen deiner Weisheit Gleis.
Befiehl, und wähn' nicht, daß sich je erbarm'
Der Sterblichen, der nichts vom Sterben weiß;
Du bist der Wille und ich bin der Arm,
Mein ist die That, doch dein ist das Geheiß,
Und keines Meeres Wogenfülle stillt
Den Durst nach Herzensblut, der mich erfüllt.
Der stolzeste Palast, der Adler Sitz,
Um dessen Haupt die Windsbraut buhlend spielt,
Der höchste Wall, starrtrotzend dem Geschütz,
Wo er nicht selbst mit Feuerschlünden zielt:
Triumphe sind's für meines Schwertes Blitz,
Geringe Beute, die mein Fuß durchwühlt.
Wenn aber so dem Schloß und Wall geschehn,
Wie mag die Hütte dann vor mir bestehn ?
Der Menschenwitz, die Schönheit und Gewalt,
Vergeblich rüsten sie mir Widerstand,
Was kaum noch ringt nach irdischer Gestalt,
Anheim gefallen ist's, zum Tode, meiner Hand.
Rings wittre ich hier Beute mannichfalt,
So mache mir den Richterspruch bekannt;
Denn ehe noch dein Mund, was du gedacht,
Hier ausgesprochen, hab' ich's schon vollbracht.
In jener Werkstatt, die bei Nacht und Tag
Sich athmend zwischen Herz und Lippe regt,
Steht plötzlich stille der lebend'ge Schlag,
Das schöne Kunstwerk, das ein Hauch bewegt;
Es ruht das Herz nun, ein gebrochner Wrack,
Zerstört der feine Bau, den es gehegt,
Und über ihm in wüsten Staub zerfällt,
Wo es als Herr gethront, die kleine Welt.
Ich hülle Nimrods Burg in Flammenschein,
Ich ziel' auf Babels Volk, und ziel' nicht fehl,
Ich flüstre Behemot' die Träume ein,
Ich streu' die Unglückssaat in Israel,
Ich färbe dunkelroth des Nabots Wein,
Den Nacken beuge ich der Jezabel,
Bespritz' bei Absalons unsel'gem Mahl
Mit Amons Herzensblut den Königssaal.
Ich stürz' in Staub des Achabs Heldenehr,
Von seines Wagens Rädern überbraust,
Ich führ' der Moabiten wildes Heer,
Daß frevelnd es in Zambri's Lager haust,
Ich schleudere des Joab Todesspeer;
Und so du Höh'res noch mir anvertraust,
Ertränke ich die Länder von Senar
Mit dem verfehmten Blut des Balthasar!
Daniel: #90
Strenger, doch gerechter Diener,
Der vollbringt, was Gott verhängt,
Dessen Hand, statt Richterstabes,
Eine grause Hippe schwenkt:
Wenn das göttliche Gericht
Wir selbander hier versehn,
Sollst du das Gesetz des Buches
(Ein Gedenkbuch ist's der Welt,
Obgleich immerhin der Menschen
Weltsinn sein' nicht mehr gedenkt)
Nicht vollziehn, bevor dem Kön'ge
Spruch und Ladung zugestellt,
Denn so heischt's ein bill'ger Brauch,
Eh' das Urtel wird vollstreckt.
Balthasar, ich weiß, bedeutet
Einen Schatz, noch unentdeckt,
Weiß auch, daß die Menschenseele
Solchen Hort im Innern hegt.
Diesen Schatz will ich erheben,
Drum sollst Balthasarn du erst
Vor der Wetterwolke warnen,
Die ob seinem Haupte schwebt.
Mahn' ihn, daß er sterblich sei,
Daß der Zorn, wie heiß er brennt,
Drohend an den Griff erst fasse,
Eh’ er schwingt das scharfe Schwert;
Und so sei dir, es zu lüften,
Doch noch nicht zu ziehn gewährt.
Erzähler: #91
(Geht ab.)
Der Tod: #92
Weh', welch Zwingjoch hast du da
Meinem Nacken aufgelegt!
Mit von Frost gelähmten Händen
Schreit' ich wie in Ketten schwer.
Denn von deinem Wort gefesselt,
Gottes Rechtsspruch, groß und hehr,
Fühlt der Tod den Muth gebrochen
Und der Zorn sein wildes Recht.
Gilt's nur, an sein sterblich Los
Ihn zu mahnen, und nicht mehr:
Gnügt ein Schatten meines Grimmes,
Ja ein Laut schon meines Weh’s.
He, Gedanke!
Erzähler: #93
(Der Gedanke tritt auf.)
Der Gedanke: #94
Wer rief mich?
Der Tod: #95
Ich bin's, der dich ruft, tritt her.
Der Gedanke: #96
Und ich, der im ganzen Leben
Deines Rufes nicht begehrt.
Der Tod: #97
Und warum? was hast du?
Der Gedanke: #98
Furcht.
Der Tod: #99
Was ist Furcht?
Der Gedanke: #100
Nun, Furcht ist Schreck.
Der Tod: #101
Was ist Schrecken?
Der Gedanke: #102
Beben, Grausen.
Der Tod: #103
Was ist Graun?
Der Gedanke: #104
Was sich entsetzt.
Der Tod: #105
Nichts versteh' ich von dem allen,
Denn ich kannt' es nimmermehr.
Der Gedanke: #106
Gibst du denn, was du nicht hast?
Der Tod: #107
Geb' es eben, weil mir's fehlt.
Aber wo ist Balthasar?
Der Gedanke: #108
Dort im Garten, er verehrt
Seine beiden Götterfrauen.
Der Tod: #109
Führe mich zu ihm, und schnell!
Muß ihn sehn.
Der Gedanke: #110
Und ich gehorchen,
Weil mir die Courage fehlt,
Nein zu sagen.
Erzähler: #111
Der Tod (zu Daniel).
Der Tod: #112
Schau, Strahl Gottes
Wie hab' ich da eben recht
Seinen heimlichen Gedanken
Mir zum Führer beigesellt!
Erzähler: #113
(Beide ab, von der andern Seite tritt Balthasar mit der Götzenliebe und Welteitelkeit auf.)
Die Götzenliebe: #114
Welche schwermuthsvolle Trauer –
Die Welteitelkeit: #115
Welche trübe Sorge, Herr –
Die Götzenliebe: #116
Hat die Freude so verstört?
Die Welteitelkeit: #117
So dich in dich selbst versenkt?
Balthasar: #118
Weiß nicht, welch ein Unglück lauert.
Erzähler: #119
(Der Tod und der Gedanke kommen wieder zurück.)
Der Gedanke: #120
Komm, hier ist er.
Balthasar: #121
Eingedenk
Immer noch der droh'nden Hand
Gottes, muß ich sinnend stehn,
Was er meinte, welche Zücht'gung
Mir der Himmel ausersehn?
Erzähler: #122
(Indem er sich entfernen will, tritt ihm der Tod entgegen.)
Der Tod: #123
Mich.
Balthasar: #124
Entsetzlich ! was erblick' ich!
Trugbild, Vision, Gespenst,
Warum lügst du Leib und Stimme!
Und hast doch kein Leben mehr!
Wie bist du hier eingedrungen?
Der Tod: #125
Wie die Sonne, die erhellt,
Bin ich Schatten, der verdunkelt,
Wie das Leben sie der Welt,
Bin ich dieser Erde Tod,
Komme, wie die Sonne geht,
Denn es haben Licht und Schatten
Stets auf Erden gleiches Recht.
Die Götzenliebe: #126
Wer ist jener, dessen Anschaun
Ganz ihn von uns abgekehrt?
Erzähler: #127
Balthasar (zum Tode).
Balthasar: #128
Warum wächst mit jedem deiner
Schritte mein geheimes Weh?
Der Tod: #129
Weil zurück die Bahn du schreitest,
Die ich rastlos vorwärts geh'.
Erzähler: #130
Der Gedanke (für sich).
Der Gedanke: #131
Ich bin schuld, weil ich ihn brachte;
Ein Vergehen war mein Gehn.
Balthasar: #132
Sprich, wer bist du und was willst du,
Schatten oder Lichtgesell?
Der Tod: #133
Bin ein Gläub'ger, und als Gläub'ger
Fordre ich von dir mein Recht.
Balthasar: #134
Du ? was hätte ich mit dir?
Erzähler: #135
Der Tod (ein Buch hervorziehend).
Der Tod: #136
Sieh', hier ist das Pergament,
Es enthält die Schuldverschreibung.
Balthasar: #137
Trug ist's, oder arg' Versehn!
Dies Gedenkbuch war einst mein,
Ich verlor's, 's ist lange her.
Der Tod: #138
Ich find' alle Angedenken,
Die der Mensch verliert. Da, les'!
Erzähler: #139
Balthasar (liest aus dem ihm vorgehaltenen Buche).
Balthasar: #140
,,Ich, Nebucadnezars Sohn,
Balthasar, des Reiches Herr,
Thue kund hier und bekenne,
Daß in sündigem Verkehr
Meine Mutter mich empfangen,
Und daß ich (o bittres Weh!)
Mein empfangnes Leben einst,
Wo und wann es wird begehrt,
Wiedergeben muß dem Tode.
So vor Moses ist geschehn;
Folgen: Adam, David, Hiob,
Die's als Zeugen eingesehn.“
Ich bekenne, es ist Wahrheit,
Doch vollziehe nicht so schnell,
Gönne mir noch Frist zum Leben!
Der Tod: #141
Nachsicht sei dir heut gewährt,
Denn noch hat der Rathschluß Gottes
Die Vollstreckung nicht verhängt.
Doch damit du deiner Schuld
Künftig besser eingedenk,
Nimm hier von der höchsten Weisheit
Zur Erinn'rung dieses Heft.
Erzähler: #142
(Er übergibt ihm ein Papier und geht ab.)
Balthasar (entfaltet es und liest).
Balthasar: #143
Also sagt ein Sittenspruch,
Von des Geistes Hauch durchweht:
„Staub nur warst du, und Staub bist du,
Und in Staub wirst du verwehn.“
Ich war Staub und doch unsterblich?
Staub sollt das Gewalt'ge werden?
Das ist Täuschung, eitel Scherz!
Erzähler: #144
Der Gedanke. (Balthasar'n bedächtig umkreisend).
Der Gedanke: #145
Wie ein Narr recht, sinn' und sinn' ich,
Und ersinn's doch nimmermehr.
Balthasar: #146
Ist das Heidenthum nicht göttlich?
Der Gedanke: #147
Ja, ihm meine Reverenz!
Balthasar: #148
Ruhmbegier wär' keine Gottheit?
Der Gedanke: #149
Ha, mit ihr halt' ich's anjetzt!
Balthasar: #150
Schwankend neigt sich mein Gedanke
Bald zu jener, bald zu der.
Die Götzenliebe: #151
Was mag diese Schrift enthalten,
Die ihn so uns abgelenkt
In des eignen Busens Tiefe?
Die Welteitelkeit: #152
Nun, das wollen wir gleich sehn.
Erzähler: #153
(sie entreißt ihm heimlich das Papier.)
Der Gedanke: #154
Brav! des Tods Gedächtniß stahl
Eitelkeit ihm, die versteht's!
Balthasar: #155
Was flog dunkel durch mein Innres?
Die Welteitelkeit: #156
Eitel Blätter, und nichts mehr,
Mag der Wind mit ihnen spielen.
Erzähler: #157
(sie zerreißt das Papier und wirft die Stücke in die Luft.)
Balthasar (sich besinnend).
Balthasar: #158
Ihr, seid ihr? ich wähnt' euch fern.
Die Götzenliebe: #159
Sprich, was gab es?
Balthasar: #160
Flücht'ge Wolken,
Wahngebilde, weiß ich's selbst?
Die mein Denken überwältigt,
Meine Einbildung beherrscht.
Doch schon schwanden diese Schatten,
Ihre schrecken sind verweht.
Und was Wunder, daß die Nacht
Scheu zur Tiefe niedergeht,
Sieht in euren Himmelsaugen
Sie den jungen Tag erstehn ?
Doch nicht blos in meinem Busen
Hat das Licht die Nacht verzehrt
Und mit Strahlen mich umsponnen;
Steht vom Schimmer doch verklärt
Rings umher der ganze Garten!
Schläfrig, eh' sie euch gesehn,
Dämmerte die Morgensonne,
Jetzt bei eurem Anblick erst
Tagt sie hell zum zweitenmale,
Denn da sich in euch gesellt
Morgenroth und Sonne, wagt sie
Ohne euch nicht aufzugehn.
Die Welteitelkeit: #161
Sind wir Morgenroth und Sonne,
Nun so ist (der Gott der Welt),
Ist die Götzenlieb' die Sonne,
Und Aurora ich, verschämt
Ihrem mächt'gen Strahl erröthend.
Dankt der Glanz doch, der's belebt,
Rings das Thal allein der Sonne,
Denn wenn's tief verschattet schläft,
Weckt es nimmermehr Aurora,
’s ist die Sonne, die es weckt.
Die Götzenliebe: #162
Sei du immerhin Aurora,
Ich, nur um dir nachzustehn,
Will der Erde Sonne sein;
Denn Aurora's holder Schmelz
Ist's allein ja, der die Sonne
Süß mit duft'gen Rosenkränzt;
Und so ziemt denn ihrem Lichte
Vor der Sonne Diadem
Nicht der Preis der Schönheit nur,
Auch der Vorrang in der Welt,
Da es niedersteigt zum Thale,
Eh' noch jene es erhellt.
Der Gedanke: #163
Witz und Schönheit halten hier
Ein ergötzlich Wortgefecht,
Während mit dem holden Wettstreit
Seiner Blumen, Bäche, Seen,
In sein Reich der Garten ladet.
Auf den Teppich, den der Lenz
Sich zu eigner Lust gewoben,
Laßt euch nieder; lockend schwebt
Vogelschall und Waldesrauschen
Bei der lauen Lüfte Wehn,
Die mit lieblichem Geflüster
Spielend durch die Wipfel gehn,
Wo die flüchtigen Krystalle,
Wie ein spiegelnd Täfelwerk,
Bächlein durch die Thäler schlängeln
Und die Wiesen duftig schwellt.
Erzähler: #164
(Alle setzen sich nieder, Balthasar in die Mitte nehmend.)
Götzenliebe (zu Balthasar)
Die Götzenliebe: #165
Hier mit diesem schönen Fächer,
Bunt von Federn überweht,
Die aus einem Pfauenschweife
Sich Welteitelkeit ersehn,
Fächle ich dir Luft.
Der Gedanke: #166
Ei, sollt' ich
Das nicht besser noch verstehn,
Da ich ja der luft‘ge Wedel
Der Vernunft? Doch fürcht' ich sehr,
In Gesicht und Anstand gleich ich
Einer Wetterfahne mehr.
Die Welteitelkeit: #167
Und ich schwell' Musik, daß lauschend
Rings die Lüfte stille stehn.
Balthasar: #168
Süßer schlagen nicht Aurorens
Melodien mir ans Herz,
Wenn, im Morgentraum sich schüttelnd,
Zwischen blitzendem Juwel,
Die Erwachende begrüßen
Blum' auf Blume, Perl' um Perl'.
Erzähler: #169
Welteitelkeit (singt).
Die Welteitelkeit: #170
Schon als Gott beherrscht die Zeit
Balthasar, da ihm zur Ehre
Heut das Heidenthum Altäre
Und die Ruhmsucht Tempel weiht.
Erzähler: #171
(Der Tod tritt ein.)
Der Tod: #172
Wie so fröhlich klingt's schon wieder!
Wo ein Krokodil im Laube
Tödtlich lauert, wen es raube,
Singt Sirene süße Lieder,
Ringt, wie schnell! all' Grauen nieder;
Meines Rufs Erinnerungen
Sind in eitel Wind verklungen.
So umschatt' ihn denn mein Bild,
Daß mein Schatten hier erfüllt,
Was der Stimme nicht gelungen.
Mit dem Mohn, dem Seelenfänger,
Tauche seine Lust und Pracht
Unter in die alte Nacht
Schlaf, mein bleicher Doppelgänger!
Auf den Schläfer hetz' die Dränger,
Daß er spüre, daß ich nah:
Hier Betäubung, Gifttrank da,
Todesbilder, irres schauen,
All' das grausenvollste Grauen!
Die Welteitelkeit: #173
Er scheint eingeschlummert?
Die Götzenliebe: #174
Ja.
Erzähler: #175
(Während Balthasar schlummert.)
Die Welteitelkeit: #176
Laß uns jetzt nicht müßig säumen;
Froh und stolz erwach’ er wieder,
Und so träufl' ich auf ihn nieder
Schmeichlerischen Ruhm in Träumen.
Erzähler: #177
(Geht ab.)
Die Götzenliebe: #178
Und ich deut' nach jenen Räumen,
Wo das Götterziel ihm winkt,
Das mein kühner Flug erschwingt.
Erzähler: #179
(ab)
Der Gedanke: #180
Hier geht meine Müh' zu Ende,
Da auch ich zur Ruh' mich wende,
Wenn mein Herr in Schlaf versinkt.
Erzähler: #181
(Er streckt sich gleichfalls zum Schlaf hin.)
Der Tod: #182
Wähnt zur Rast den Schlaf erkoren,
Merkt nicht, daß er jede Nacht,
Wenn er einschläft und erwacht,
Stirbt und wieder wird geboren.
Athmende Leichen, oder Thoren,
Hülflos hingestreckt, das Leben
Flücht'gem Morde hingegeben,
Ruh'n die Menschen, ohne Ahnung,
Wie der Schlaf nur eine Mahnung,
Daß der Tod beschleicht das Leben.
's ist ein Gifttrank, süß zu trinken,
Der den müden Geist umnebelt
Und den Träumenden leis knebelt;
Wen gelüstet, Gift zu trinken?
Ein Vergessen und Versinken
Alles Lichtes, wo, umnachtet,
Fühllos, taub, und blind verschmachtet
An der unsichtbaren Kette
Sinn um Sinn – und doch, wen hätte
Solche Nacht nicht schon verschachtet?
Wahnsinn, der zusammenfaßt,
Was sich feindlich flieht im Leben,
Um im leeren Nichts zu schweben,
Wen erfreut jeder Phantast?
Starrsucht, der ich alle Last
Meiner Herrschaft übertrage,
Daß sie sich des Seins entschlage,
Nichts bedenke, nichts begehre
Und den Menschen sterben lehre;
Wer ist's, dem solch Grab behage?
Ohne Sonnenlicht ein Schatten,
Dessen düstres Brüten flieht,
Wo der heitre Tag erblüht,
Wer mag ausruhn in dem Schatten?
Ja, ein Bild des Todes hatten
Sie's genannt wohl, und verkehren
Stets doch an des Schlafs Altären,
Keiner bricht sein Joch entzwei,
Weil's nur flücht'ge Täuschung sei;
O, wer mag solch Bild verehren?
So ist Balthasar gefällt,
Da er, von dem Gifte trunken,
Hier in Lethe's Strom versunken,
Wo ihn Ohnmacht niederhält,
Wahnsinn ihm verzehrt die Welt,
Wo das Schreckensbild ihm winkt
Und das Grauen ihn durchdringt,
Das als Gift, Vergessen, Schatten,
Wahnsinn, regungslos Ermatten,
Alle Menschen niederringt.
Und da ausgelöscht sein Blick,
So erwach’ er nimmer wieder,
Schlaf er, Seele, Leib und Glieder,
Nun den ew'gen Schlaf!
Erzähler: #183
(Er zieht den Degen, um ihn zu durchbohren. Daniel tritt rasch hervor und fällt ihm in den Arm.)
Daniel: #184
Zurück!
Der Tod: #185
Wer hier wendet das Geschick?
Daniel: #186
Ich. Noch ist es nicht vollbracht.
Seine Stunde zugedacht
Ist dem Frevel, wie dem Leben;
Ihr gemessen Ziel erstreben
Muß auch diese Sünderpracht.
Der Tod: #187
Kommen werden, wie's versprochen,
Sich erfüllen, o wie herbe
Auf daß ein Gerechter sterbe,
Daniel, deine Jahreswochen,
Sterben wird, der nichts verbrochen.
Weßhalb das Gericht vertagen?
Denn wonach in frevlem Wagen
Die Vermessenen hier ringen,
Wird Welteitelkeit dir singen,
Wird die Götzenlieb' nun sagen.
Erzähler: #188
(Man erblickt von der einen Seite in den Wolken ein ehernes Reiterbild, dessen Roß die Götzenliebe am Zügel hält. Von der andern Seite erscheint ein Thurm und auf seiner Zinne die Welteitelkeit mit Federn.)
Die Götzenliebe: #189
Balthasar von Babylon,
Der du, eigner Sarg dir selber,
In des süßen Traums Umarmen
Lebend stirbst und lebst im Sterben!
Die Welteitelkeit: #190
Balthasar von Babylon,
Der du hier als ein beseelter
Leichnam ruhst auf grünumranktem
Katafalk des frischen Lenzes!
Erzähler: #191
Balthasar (spricht im Schlafe).
Balthasar: #192
Ha, wer ruft mich da? wer ruft mich?
Wenn kein leerer Wahn mich blendet,
Bist du's, Ruhmsucht, die mir winkt,
Ja, dich, Götzenliebe, seh' ich.
Die Götzenliebe: #193
Ich, die hehre Heidenjungfrau,
Aus der Sonne niederschwebend
Von der Himmel höchstem Schloß,
Weih' zum Feste dir dies eh'rne
Bildniß, daß vor ihm sich neigen
Alle Völker dieser Erde.
Die Welteitelkeit: #194
Ich, die Eitelkeit der Welt,
Die geboren unter Menschen,
Doch im Abgrund ward gezeugt,
Hab' mein Reich in blauer Leere.
Eines Tempels Traumgebild,
In die Luft gebaut aus Federn,
Weih' ich dir zum Hochzeitsfeste,
Drin dein Bildniß aufzustellen.
Erzähler: #195
Balthasar (noch im Schlafe).
Balthasar: #196
O erhabener Triumph!
O, der ruhmestrunknen Ehren!
Götzenlieb', entzünde mir
Opferbrand auf den Altären,
Auf daß meine Marmorbilder
In der Götter Hallen treten!
Und du, Eitelkeit, steig' auf,
Krön' dich, beide sollt ihr herrschen,
Du vom Himmel niederschwebend,
Du zum Himmel dich erhebend!
Erzähler: #197
(Das eherne Standbild senkt sich zur Erde hinab, der Thurm hebt sich allmählich empor. Währenddeß singen)
Die Götzenliebe: #198
Bild, der Anbetung geweiht,
Schwebe nieder, schwebe nieder!
Die Welteitelkeit: #199
Tempel, deine luftgen Glieder
Pfeilre in die Ewigkeit!
Die Götzenliebe: #200
Senk' dich!
Die Welteitelkeit: #201
Ueberflieg' die Zeit!
Beide.
Die Welteitelkeit: #202
Denn den Winden hat vertraut
Die Götzenliebe: #203
Denn den Winden hat vertraut
Die Götzenliebe: #204
Statuen die Götterbraut,
Die Welteitelkeit: #205
Tempel die Welteitelkeit.
Der Tod: #206
Daniel, gib die Hand mir frei,
Und sollst sehn, wie ich verwegen,
Gleich dem Simson, mit den Götzen
Und den Tempeln fertig werde.
Daniel: #207
Ruhig! wann es an der Zeit,
Lös' ich, feuriger Komete,
Dir die Arme; doch bevor die
Stunde naht der blut'gen Strenge,
Soll dies Bild ihm andre Mahnung
Eherner entgegenschmettern,
Als Posaunen von Metall;
Denn zu des Gerichts Drommete
Wird es, wenn ich's angehaucht.
Erzähler: #208
(ab)
Der Tod: #209
Möcht's die beiden niederschmettern!
Denn wo die Drommete schallt,
Muß das ganze Universum
Zum Gerichte auferstehn.
Und so sprich, du eh'rner Felsen,
Welcher widerwill'ge Geist
Wohnt in deiner Brust als Seele?
Lügengottheit du, von Erz,
Auf! enttäusche nun dich selber!
Bildsäule: #210
Balthasar! -
Erzähler: #211
Balthasar (im Schlafe).
Balthasar: #212
Was willst du mir,
Trugbild oder Traumes Blendwerk?
Was benimmst du mir den Athem?
Bildsäule: #213
Höre! höre, und der Seele -
Sinn erwache, während Schlaf
Den des müden Körpers fesselt;
Denn als eherne Schlange bäum' ich
Mich dem Heidenthum entgegen,
Um, wie es der Schlange Art,
An dem eignen Gift zu bersten:
Und derweil die rauhe Lippe
Von Metall die Laute reget,
Schweige jenes süße Lied,
Schmeichelwort in Windeswehen!
Aus verschiednem Erzgefügt
Und den Säulenfuß von Erde,
Bin das Bild ich, das dein Vater
Schaute und ein Fels zerschellte,
Felsen, der herabgerollt,
Von den Höh'n des Testamentes.
Denke nicht, des ew'gen Himmels
Göttlich Vorrecht dir zu knechten!
Denn auch ich, Anbetung einst
Von drei Jünglingen begehrend,
Schürt in Babylon den Ofen,
Doch des Feuers Glut versehrte
Nimmer ihre Glaubenskraft,
Die im Feuer sich verklärte.
Sadrach, Mesach, Abednego,
sind lebend'ge Zeugen dessen.
All' die Götter, den du huldigst,
Werke sind's von Menschenhänden;
Betest Erze an im Moloch,
Geld in der Astarte, Erde
Im Dragon, das Holz im Baal
Und in Moab irren Frevel.
Und da aus mir das Gericht
Gottes spricht, des unermess’nen,
So beugt schauernd euch, ihr beide,
Meiner eh’rnen Stimme, werfet
Federn hin und Marmorbilder!
Erzähler: #214
(Das Standbild hebt sich wieder in die Wolken und der Thurm versinkt.)
Die Welteitelkeit: #215
Was versengt mich?
Die Götzenliebe: #216
Wie ich bebe!
Die Welteitelkeit: #217
Vor den Strahlen einer andern
Sonne muß den Flug ich senken.
Die Götzenliebe: #218
Vor dem Lichte andern Glaubens
Muß mein Schatten rings verschweben.
Erzähler: #219
(Beide verhüllen sich.)
Balthasar (erwachend)
Balthasar: #220
Höre, harre mein, verweile!
O entführe nicht so schnell mir
Solche Herrlichkeit, solch Glück!
Erzähler: #221
Der Gedanke (gleichfalls aus dem Schlafe erwachend).
Der Gedanke: #222
Welch Geschrei! was ist geschehen?
Balthasar: #223
Ach, Gedanke, du? Ich weiß nicht,
Eben noch glaubt' ich zu herrschen,
Log mir vor, ein Gott zu sein,
Und da ich nun um mich sehe,
Bleibt von allem deine Narrheit,
Nichts als deine Narrheit stehen.
Der Gedanke: #224
Doch was widerfuhr dir denn?
Balthasar: #225
In den bleichen Traumesnebeln,
Da ich schlummernd ausgeruht,
Sah ich seltsam mich verherrlicht:
Steigend sah ich meinen Ruhm
Seine Stirn zum Himmel heben,
Mich vergötternd, mein Idol
Seinem goldnen Reich entschweben;
Diese weihte mir ein Standbild,
Einen Tempel baut mir jene;
Doch kaum hatten sie das Bild
Und den Tempel noch vollendet,
Als, Drommeten gleich, ein Rufen
(Schall, vor dem ich jetzt noch bebe)
Niederwarf den Stolz der einen,
Und der andern Schwingen sengte,
Daß, ein Spiel der Lüfte, Tempel
Und das Bild in Wind verwehten.
Wehe mir! der Ruhm der Welt
Gleicht der Mandel Blütenschnee,
Götzendienst: der Sonnenrose;
Wenn die kalten Winde wehen,
Sterbend schon beim ersten Hauch,
Muß der Blütenschnee vergehen,
Rose, ist der Tag dahin,
Ihre sammtne Krone senken,
Flücht'ge Sonne, flücht'ge Rose
In der Zeiten rauhem Wechsel!
Erzähler: #226
Götzenliebe (vortretend).
Die Götzenliebe: #227
Nicht soll mich Täuschung blenden,
Noch eine Stimme meine Siege wenden,
Und heller, als Aurora, tage
In dieser Nacht die Krone, die ich trage!
Zu Hohem du erlesen,
Fürst, heil'ger König, übermenschlich Wesen!
Derweil du Lust und Kummer
Erathmend heimgegeben hast dem Schlummer,
Dem Waffenstillstand der Gedanken,
Wacht meine Lieb' und sann ohn' Wanken,
Wie sie dein Glück erneue,
Denn nichts vom müden Schlafe weiß die Treue.
Bereitet hier im Saale
Hat meine Sorgfalt dir zum üpp'gen Mahle,
Was nur in Träumen
Sonst Köstliches Pokalen mag entschäumen,
Daß jeglicher der Sinne
Des kühnsten Traums Erfüllung sich gewinne.
Von Gold und Silber glänzen
Und übersätt'gen blendend die Credenzen
Mit reicher Beute schätzen
Die Gier der Augen, die an Gold sich letzen.
Den Becken von Saphiren,
Den blausten, die Arabiens Klüfte zieren,
Entsteigt in würz'gen Düften
Der Blumen Geist, daß kräuselnd in den Lüften
Arome dich verhüllen,
Um des Geruches Hunger dir zu stillen,
Musik mit ihren Wellen,
Die leise schlagen an des Saales schwellen,
Verklingend so im Fliehen,
Erweckt den tiefen Durst nach Melodieen.
Der Tafeln weiße Hülle,
Wo Nelk und Lilie in reicher Fülle
So zartgewoben durch den Saum sich schlingen,
Als wollte Schnee hier neuen Glanz erringen,
Sind des Gefühls Ergötzen und verführen
Die Hand, sie frohbewundernd zu berühren.
Ambrosia, Nektarschale
Und frischer kühler Labetrunk zum Mahle,
Dem Rosenflor entquollen
Und der Citrone duft'ger Blüte, sollen
Im Saal, derweil wir speisen,
Mit Sang und Weinpokalen wechselnd kreisen.
Doch nimmer funkeln Becher
So königlich dem königlichen Zecher,
Als die dem Gotte Israels geweihten,
Die wir Nebucadnezar'n sahn erstreiten
Einst zu Jerusalem in jenen Tagen,
Da er gen Osten sein Panier getragen.
Die Becher, Herr, laß bringen, -
Daß sie zu unsrer Götter Ruhm erklingen,
Und auf die Zinne steige
Des Tempels das Idol, dem ich mich neige!
Zum Nachtisch denn entfaltet -
In Flammenschrift und Bildern vielgestaltet
Mein Arm für künft'ge Zeiten -
Hier deines Ruhms und Reichthums Herrlichkeiten,
Dies Manna süß, von dem die Sinne alle
Heut' freie Tafel halten in der Halle.
Balthasar: #228
Kaum dir ins Auge schau' ich,
So flieht mein grübelnd Leid, ja mehr vertrau' ich,
Erweckt von deinem Lichte, -
Dem, was ich sehe, als dem Traumgesichte.
Nur deiner Blicke Funkeln
Vermocht' es, meinen Busen vom Verdunkeln,
Der Schwermuth zu befreien.
Der Gedanke: #229
Dem Himmel Dank! denn nach den Narretheien,
Die du vorhin zu Markt getragen,
Warst du im Stand, das Mahl gar auszuschlagen.
Nun laßt das Klagelied verschnarren,
Jetzt lustig drauf! und meinen innern Narren
Will ich im Rausch der Nacht zum Freiherrn machen,
Denn allzunüchtern gehn mir hier die Sachen !
Balthasar: #230
Und die Gefäße, Wunder aller Zeiten,
Die Israels Priester weihten
Zum knecht'schen Dienst in ihren Tempelhallen,
Ich weih' sie mir!
Der Gedanke: #231
So laß ich mir's gefallen!
Balthasar: #232
Man hole sie.
Die Welteitelkeit: #233
Die Mühe spare,
Hier bring ich selber schon die blanke Waare.
Die Götzenliebe: #234
So deckt denn rasch die Tische,
Auf daß der Held –
Der Gedanke: #235
Auf daß ich mich erfrische !
Die Welteitelkeit: #236
Wer hat mit dir gesprochen?
Der Gedanke: #237
Ihr sagtet: Held, und habt Euch nicht versprochen;
Denn Helden will's gebühren,
Stets eine gute Klinge rasch zu führen,
Schwing' ich nun, und bald sollt Ihr’s sehen, Dame,
Die meine brav, so ist auch Huld mein Name.
Ja, wenn ich's recht betrachte,
Bin ich's, für den man jenen Stein erdachte:
Erzähler: #238
(Er singt.)
Der Gedanke: #239
He, zu beißen was, zunetzen!
Ich geruh', mich hinzusetzen,
Gable da und schnable hie,
Laß hoch lebenden und die!
Erzähler: #240
(Man bringt den mit kostbarem Geschirr geschmückten Tisch und trägt die Speisen auf.)
Balthasar: #241
Nehmt Platz, ihr beide, und zunächst den Göttern
Sitzt nieder, meine Diener hier und Vettern,
Denn wo des Tempels Kelch die Halle
So festlich ziert, da ist's ein Mahl für alle.
Den Göttern aber, den wir fröhnen,
Laßt nun in Liedern schuld'gen Dank ertönen!
Gefolge: #242
Dieser Tisch des Herrn bedeute
Opferstein der Götzen heute
Und des Ruhmes Festaltar,
Schmücken sollen rings die reichen
Tempelbecher ohne Gleichen
Hier das Mahl des Balthasar!
Erzähler: #243
(Während dieses Gesanges und des Jubels der Speisenden tritt der Tod verkleidet ein.)
Der Tod: #244
Zu dem großen Königsmahl
Komm' ich, ungeladner Fremdling;
Dieses Abendmahl beschleich' ich
Heimlich und verkappt, und denke,
Unter seinem Hofgesinde
Wird mich keiner hier erkennen.
Sorglos seh' ich Balthasar'n,
Meiner Mahnungen vergessen,
Von den Frauen und den Großen
Seines Reiches stolz umgeben.
Silber, Gold, das Salomon
Dem wahrhaft'gen Gott verehrte
Und die Priester eingeweiht
Zu den heiligen Mysterien,
Dient dem Schenktisch nun zum Putze.
Richter Gottes, löse endlich,
Löse deine Hand und meine,
Denn durch solche sündenschwere
Gottesläst’rung übervoll
Ist das Maß nun seiner Frevel.
Balthasar: #245
Gebt zu trinken!
Erzähler: #246
Der Gedanke (zum Tod).
Der Gedanke: #247
He, Kam'rad!
Hörst du nicht des Herrn Befehle?
Reich dem Könige zu trinken,
Ich hab' jetzt nicht Zeit, muß essen.
Der Tod: #248
Halten mich für einen Diener;
Nun, ich will ihm wohl credenzen,
Denn es merkt mich nimmermehr,
Wer vergeßlich und verblendet.
Erzähler: #249
(Er ergreift einen Pokal.)
Der Tod: #250
Dieser Becher des Altars,
Er enthält fürwahr das Leben,
Wem er, in des Lebens Dienst,
Labetrunk und Nahrung spendet;
Aber auch den Tod enthält er,
Wie das Leben, ist des Lebens
Und des Todes letzter Grund,
Und in seines Trankes Welle
Waltet Gift und Gegengift,
Trüber Schierlingssaft und Nektar.
Da, hier hast du deinen Trank.
Erzähler: #251
(Er reicht Balthasar'n den Becher.)
Balthasar: #252
Ich entnehm' ihn deinen Händen.
Welch ein schöner Kelch!
Erzähler: #253
Der Tod (für sich).
Der Tod: #254
Weh' dir!
Denn du weißt nicht, was er berge.
Die Götzenliebe: #255
Stehet auf, der König trinkt.
Balthasar: #256
Alle Glorien meiner Herrschaft
Trink' ich aus des Gottes Kelch
Unsern Göttern zu: es lebe
Moloch, der Assyrer Gott!
Der Gedanke: #257
Und wir alle thun dasselbe.
Doch an dreißigtausend Götter
Dünken heut' mir noch zu wenig,
Allen Göttern trink ich's zu!
Die Götzenliebe: #258
Singt, derweil er leert den Becher!
Gefolge: #259
Dieser Tisch des Herrn bedeute
Opferstein der Götzen heute
Und der Eitelkeit Altar,
Denn beim hohen Abendmahle
Aus des Tempels Kelchpokale
Trinkt heut! König Balthasar.
Erzähler: #260
(Man hört plötzlich einen Donnerschlag.)
Balthasar: #261
Welch ein grauenvoller Schall!
Welch Entsetzen ruft die Wetter
Zu den Waffen rings, der Stürme
Schlummernd Heereslager weckend?
Die Götzenliebe: #262
Da du trankst, ließ wohl der Himmel
Seine Feuerschlünde schmettern,
Deinen Festgruß zu erwiedern.
Die Welteitelkeit: #263
Es verschattet uns die Sterne
Ihres Dampfes graue Nacht.
Der Tod: #264
O, wie ich dies Grau ersehnte,
König ich des Schattenreichs.
Balthasar: #265
Dunkelglühende Kometen
Kreuzen, feur'gen Adlern gleich,
Durch der Luft erschrockne Leere.
Kreisend stöhnt die unheilschwangre
Wetterwolke jetzt vor Wehe,
Als ob sie gebären sollt',
Ja, und sie gebärt, entfesselt
Sehe ich aus ihrem Schos
Einen hellen Glutstrahl brechen,
Blitz ist ihre Ausgeburt
Und ein Donnerlaut ihr Aechzen!
Erzähler: #266
(Abermaliger Donnerschlag, während aus der Decke des Saales sich eine Hand hervorstreckt, auf eine Schrift an der Wand weisend, welche die Worte „Mene, Tekel, Phares“ zeigt.)
Balthasar: #267
Weh' mir! seht ihr, seht ihr's nicht
Aus der Luft sich winden, schwellen?
Ueber meinem Haupte jetzt
Wie an einem Faden schwebt es
Nieder, nieder von der Wand,
Immer deutlicher erkenn' ich's:
Eine Hand ist's, eine Hand!
Will die Wolke denn ein schrecklich
Ungethüm stückweis gebären?
Wo ward je ein Blitz gesehen,
In dem Adern schlügen? Schaut,
Jetzo schreibt sie, an der Decke
Hat die Hand drei flücht'ge Züge
Eingebrannt nun und erhebt sich
Wieder, ihrem unsichtbaren
Riesenleib zurückgegeben.
In den Adern starrt mein Blut,
Jedes Haar sträubt sich zu Berge
Und der scheue Athem stockt
Bei des Herzens wilden Schlägen.
Unbegreiflich! nicht errathen
Kann ich diese Charaktere,
Wirr, wie Babel einst in sprachen,
Ist ein Babel dies von Lettern.
Die Welteitelkeit: #268
Ich entlodre, ein Vulkan.
Die Götzenliebe: #269
Wie ein Bild von Eis hier steh' ich.
Der Gedanke: #270
Ich bin weder Berg noch Bild,
Aber spür' ein lindes Beben.
Erzähler: #271
Balthasar (zur Götzenliebe).
Balthasar: #272
Vor dir liegt ja ewig klar,
Was die Götter uns verbergen;
Was bedeutet diese Schrift?
Die Götzenliebe: #273
Nicht vermag ich sie zu lesen,
Nicht ein Zug ist mir bekannt.
Balthasar: #274
Ehrsucht, die der Schriftgelehrten
Und der Magier Wissenschaft
Tief ergründet hat, o lese
Du die Zeichen!
Die Welteitelkeit: #275
Keines gibt sich
Meinem Geiste zu erkennen,
Alle, alle sind mir fremd.
Erzähler: #276
Balthasar (zum Gedanken).
Balthasar: #277
So sprich du, ob du's enträthselst?
Der Gedanke: #278
Ja, da kommst du an den Rechten!
Ich bin Narr und nichts versteh' ich.
Die Götzenliebe: #279
Da kommt der Daniel, der Hebräer,
Der den Traum vom heil'gen Wächter
Und vom Baume einst gedeutet,
Der soll's sagen.
Erzähler: #280
Daniel (eintretend).
Daniel: #281
So vernehmet:
Mene heißt, daß Gott dein Reich
Schon gezählet und vollendet,
Tekel, daß dein Sündenmaß
Nun erfüllt und keinen Frevel
Mehr des Richters Wage faßt,
Phares aber heißt: verheeret
Und bewältigt wird dein Reich
Von den Persern und den Medern.
Also hat hier Gottes Hand
Aufgezeichnet dein Verhängniß,
Und der weltlichen Gewalt,
Nach uraltem, ew'gem Rechte,
Die Gerichte anvertraut,
Die Er über dir entfesselt,
Weil in frevlem Uebermuth
Du entweiht hast die Gefäße.
Denn kein Sterblicher mißbrauche
Je des Tempels heil'ge Becher,
Die Er dem Gesetz der Gnade
Vorbestimmt zum Sakramente,
Wann verloschen das Geschriebne
Einst den künftigen Geschlechtern.
Und darum ist die Entweihung
Eine Schuld, so unermeßlich,
Weil, hört, Staubgeborne, hört,
Leben oder Tod im Becher;
Denn wer Sünden fröhnt, entweiht
Frevelnd das Gefäß des Tempels.
Balthasar: #282
Wie, der Tod ist in dem Becher?
Der Tod: #283
Ja, wenn ich ihn euch credenze,
Ich, der Sünde stolzer Sohn,
Und an deren Gifte sterben
Mußt du, das du taumelnd trankst.
Balthasar: #284
Muß dir glauben, wie dagegen
Sich auch meine Sinne sträuben,
Die, verwildert und geblendet
Durch das freche Aug' und Ohr,
Bei dem Anblick deiner Schrecken
Nun mir schneiden durch die Brust
Und durchbohren meine Seele.
Schütz' mich, Götzenliebe, Schütz' mich
Vor dem Weh!
Die Götzenliebe: #285
Ich kann's nicht wenden;
Vor der fürchterlichen Kunde
Jenes künftigen Mysteriums,
Das du heut entweiht im Kelch,
So durch Worte wie mit Werken,
Fühl' ich alle Kraft mir schwinden,
Allen Muth zusammenbrechen.
Balthasar: #286
Hilf mir, Ruhmgier!
Die Welteitelkeit: #287
Vor dem Himmel
Steh' ich arm in niedrer Demuth.
Balthasar: #288
O Gedanke!
Der Gedanke: #289
Dein Gedanke
Ist der grimmste deiner Gegner,
Da du, stolz und glaubenlos,
So viel' Mahnungen verschmähtest.
Balthasar: #290
Daniel !
Daniel: #291
Ich bin Gottes Stimme:
Schon gesprochen ist dein Recht,
Schon erfüllt ist dein Verhängniß,
Balthasar!
Der Gedanke: #292
Und nirgends Rettung.
Balthasar: #293
Alle, alle lassen mich,
Da sich meine Sterne senken!
Wer wird fürder mich beschirmen
Vor dem Scheusal, dem Entsetzen?
Der Tod: #294
Keiner. Denn geborgen bist du
Nicht im Abgrund, selbst im Centrum
Nicht der Erde.
Balthasar: #295
Wuth entflammt mich!
Erzähler: #296
(Er zieht sein Schwert und ringt mit dem Tode.)
Der Tod: #297
Undankbarer!
Balthasar: #298
Weh', ich sterbe!
War's genug nicht an dem Gift,
Das ich trank?
Der Tod: #299
Nein, denn der Seele
Tod war jenes Bechers Gift,
Dieses ist des Leibes Ende.
Balthasar: #300
Mit den wilden Todesschauern
Müde und verworren kämpf' ich
Als ein aufgegebner Ringer,
So an Leib und Seele sterbend.
Höret, Sterbliche, hört, hört
In dem Mene, Tekel, Phares
Die graunvolle Vorbedeutung
Von des höchsten Gottes Strenge:
Niederwirft Er, die da frevlen
An den heiligen Gefäßen,
Und wer Sünden fröhnt, entweiht
Frevelnd das Gefäß des Tempels.
Erzähler: #301
(Balthasar und der Tod gehen kämpfend ab.)
Die Götzenliebe: #302
Eine schlummernde hier, tauch' ich
Dämmernd auf aus Traumeswellen.
Ja, Gott hat das Heidenthum
Beigezählt, ich ahn's mit Schrecken,
Jener Ungethüme Schaar,
Die vom Angesicht der Erde
Zu vertilgen, Christus einst
Vollmacht wird dem Petrus geben.
O, wer dann das klare Licht
Des Gebots der Gnade sähe,
Das jetzt als geschriebnes dräut!
Erzähler: #303
Tod (welcher, wieder höfisch gekleidet, mit Degen, Dolch und Mantel zurückkehrt).
Der Tod: #304
Wohl kannst du's im Bilde sehen,
In dem Vließ des Gideon,
In der Wüste Mannaregen,
An dem Honigseim im Rachen
Eines Leu'n, im umbefleckten
Lamme, im geweihten Brote
Der Verheißung.
Daniel: #305
Und wenn jene
Zeichen noch nicht gnügend sprechen,
So enthülle dir's prophetisch
Dieses Mahl, in Brot und Wein
Sich verwandelnd hier, ein hehres
Wunder Gottes und ein Vorbild
Seines größten Sakramentes.
Erzähler: #306
(Es erscheint ein Tisch in der Form eines Altars, und in dessen Mitte ein Kelch mit der Hostie und zweien Kerzen zu beiden Seiten.)
Die Götzenliebe: #307
Ich, bis jetzt die Götzenliebe,
Falsche Götter einst verehrend,
Streich' den Götzenprunk aus meinem
Namen heut und Angedenken,
Will fortan nur Liebe sein
Vor dem hohen Sakramente.
Und da ihr sein Fest heut feiert,
So ergänz' am schlichten Werke
Des Don Pedro Calderon
Eure Lieb' die vielen Mängel,
Und vergebt auch unsre Fehler
Wie die seinigen, bedenkend,
Daß die That ja nie erreicht,
Was die Wünsche kühn erstreben.
Erzähler:
Ende von Balthasars Nachtmahl von Pedro Calderón de la Barca übersetzt von Joseph von Eichendorff.